Die Spiritualität des hl. Paulus
Betrachtungen zum Paulusjahr von Erzbischof Dr. Ludwig Schick
Liebe Leserinnen und Leser des Heinrichsblattes!
Mit dem folgenden Beitrag möchte ich die Betrachtungen zum Paulusjahr fortsetzen. Dieses Mal soll es um die Spiritualität, das heißt, um das geistliche Leben des Christen gehen, wie es Paulus lebt, sieht und den Empfängern seiner Briefe ans Herz legt. Wie die vorhergehenden schöpft auch dieser Beitrag einzig und allein aus den unumstritten echten Briefen des hl. Paulus.
Auch er möchte vor allem dazu anregen, die Paulusbriefe selbst in die Hand zu nehmen, sie zu lesen und zu betrachten, immer mit der Frage: Was will Paulus, der „Gesandte an Christi Statt“ (vgl. 2 Kor 5,20) mir oder uns sagen, was in uns anregen, zu was uns bewegen? Die Briefe des hl. Paulus sind ein großer Schatz, die jeden von uns zu einem authentischen Leben als Christin und Christ führen können.
Spiritualität, was ist das?
„Wes Geistes Kind seid ihr?“, so heißt es in einem neuen geistlichen Lied. Das ist die Kernfrage der Spiritualität. Der Begriff 'Spiritualität' ist abgeleitet vom lateinischen Wort „spiritus“, das „Geist“ bedeutet. Spiritualität meint: 'Leben in und aus dem Geist'.
Der Geist lebt im Innern, im Herzen oder in der Seele des Menschen, dort wo er seine Lebensmitte hat und sich seine ‚Lebensweise’ entscheidet. 'Der Geist ist als erster Anteil (am verheißenen Heil) in unser Herz gegeben' (vgl. 2 Kor 1,22), schreibt Paulus den Korinthern. Für Paulus gibt es nur ‚den Geist’, den Geist Gottes, den Geist Jesu Christi, den Heiligen Geist; sie sind eins. Es wirken oder besser gesagt, es treiben ihr Unwesen in der Welt auch Mächte und Gewalten und der „Geist der Welt“ (vgl. 1 Kor 2,12), des Bösen und der Finsternis, die gegen den Geist Christi streiten. Diese sind aber mit dem Geist Gottes und Christi nicht vergleichbar. Sie werden überwunden und vernichtet. Im Hinblick auf die Ankunft des neuen Himmels und der neuen Erde schreibt Paulus den Korinthern: „Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt“ (1 Kor 15,24). Dann wird Gott herrschen „über alles und in allem“ (1 Kor 15,28).
Christliche Spiritualität ist Leben aus dem Geist Jesu Christi, für den der Mensch sich entscheiden und aus dem er leben muss. Dazu gehört auch der Kampf gegen die Ungeister dieser Welt, der mit den Waffen des Heiligen Geistes gewonnen wird. Spiritualität nach Paulus ist Innerlichkeit sowie zugleich Lebensgestaltung und Weltverantwortung. Der Geist bewirkt eine „Geisteshaltung“, aus der Leben und Wirken wird.
Allein Jesus Christus
Am deutlichsten zeigt Paulus im Galaterbrief, was er unter Spiritualität versteht. Er ringt in diesem apostolischen Mahnschreiben mit den Galatern, die die Spiritualität, die er ihnen durch die Verkündigung vermittelt hat, zu verraten drohen. Sie wenden sich vom „Evangelium“ ab, das Geist und Leben ist. Sie fallen zurück in die Geisteshaltung des Gesetzes, die für Paulus ‚Geistlosigkeit’ bedeutet. Bei diesem Ringen um die Spiritualität der Galater offenbart Paulus seine eigene Auffassung von christlicher Spiritualität.
Die Zentralaussage lautet: „Ich aber bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden; nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,19-20). Der Geist ist der Geist Jesu Christi, der durch den Glauben in den Christen lebt und wirkt. Im 1. Korintherbrief schreibt Paulus: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16). Spiritualiät ist deshalb Leben in und aus Christus.
Zum Glauben ist Paulus berufen worden, als er vor Damaskus dem Auferstandenen begegnete. Das änderte seine bisherige Haltung radikal, die im Befolgen des Gesetzes das Heil suchte. Im 1. Kapitel des Galaterbriefes schildert er seine Bekehrung zum Geist Christi ausführlich (vgl. Gal 1,13-2,21). Ab dann setzt er alles auf die eine Karte: Christus und sein Evangelium. Den Galatern schreibt er: „Dies eine möchte ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist durch die Werke des Gesetzes oder durch die Botschaft des Glaubens empfangen? Seid ihr so unvernünftig? Am Anfang habt ihr auf den Geist vertraut, und jetzt erwartet ihr vom Fleisch die Vollendung. Habt ihr denn so Großes vergeblich erfahren?“ (Gal 3,2-4). Die Konsequenz daraus formuliert er in vielen Briefen so: ‚Setzt all eure Hoffnung auf Jesus Christus’. Die Galater sind durch die Botschaft des Glaubens, die ihnen Christus als Gekreuzigten vor Augen gestellt hat, für das Leben in Christus berufen worden. Aus Seinem Geist sollen sie leben, nicht aus den Werken des Gesetzes und durch die Einhaltung der vielen Vorschriften, Gebote und Verbote des Alten Bundes. Die Spiritualität des hl. Paulus zielt letztlich da-rauf, dass alle „durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus“ werden (vgl. Gal 3,26) oder anders formuliert, dass „Christus in euch Gestalt annimmt“ (vgl. Gal 4,19).
Auch für jede christliche Gemeinde besteht ihre Spiritualität darin, in Gott und Jesus Christus zu sein und zu wirken. So schreibt Paulus an die Thessalonicher: „... an die Gemeinde von Thessalonich, die in Gott, dem Vater, und in Jesus Christus, dem Herrn, ist“ (1 Thess 1,1).
Paulus – Jude oder Christ?
Seit vielen Jahren ringen die Fachleute für das Verständnis der Heiligen Schrift um die Frage: ist Paulus ein Jude oder ein Christ? Nicht wenige von ihnen versuchen, ihn zu einem „Reformjuden“ zu machen, der sich aber nie vom Judentum gelöst hat. Ähnliche Auffassungen gibt es auch über Jesus Christus. Es ist richtig, dass Paulus immer wieder betont, dass er zum Volk der Juden gehört. Es ist auch richtig, dass er sich niemals selbst Christ genannt hat. Er setzt auch darauf, dass am Ende der Zeiten ‚sein Volk’ das Heil findet, jedoch auch 'durch den und auf den hin die ganze Schöpfung ist' (vgl. Röm 11,36). Richtig ist aber auch, dass Paulus größten Wert darauf legt, dass er nicht mehr in der Spiritualität des Judentums, sondern in der des Evangeliums lebt. Darin ist Paulus ein 'Neuer' oder 'Anderer' geworden, der aus dem Geist Christi lebt.
Quelle der Spiritualität
Wenn Paulus die Galater mahnt, nicht die christliche Spiritualität zu verraten, verweist er auf das Evangelium. Sie sollen sich keinem anderen Evangelium zuwenden (vgl. Gal 1,6). Es gibt kein anderes Evangelium als das, das Paulus ihnen verkündet hat (vgl. Gal. 1,7-8). Sicher gab es zur Zeit des hl. Paulus noch nicht die vier Evangelien des Neuen Testamentes, die wir heute kennen. Aber in der mündlichen Überlieferung waren sie vorhanden. Es wurden die Worte und Taten, das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu als Maßstab für das Leben der Christen und als Verheißung für die Vergebung der Sünden und das Leben mit Gott verkündet. Gegebenenfalls lagen auch schon schriftliche Aufzeichnungen vom Leben Jesu vor. Paulus erinnert die Korinther an einen Grundsatz, wenn er schreibt: „Nicht über das hinaus, was in der Schrift steht“ (1 Kor 4,6). Über die Aussageabsicht dieses Satzes sind sich die Exegeten uneinig. Es geht im Kontext darum, wie in der rechten Weise die Menschen zu Christus ‚erzogen’ werden (vgl. 1 Kor 4,15). Daher meint er auf alle Fälle: Wer in der christlichen Spiritualität gründen und leben will, muss aus dem Evangelium schöpfen. Das ist für Paulus unumstößlich! Heute ist daraus der Schluss zu ziehen, dass das Lesen, Hören oder sich Besinnen auf das Evangelium, wie es in den vier kanonischen Evangelien vorliegt, unerlässliche Bedingung dafür ist, dass „Christus in uns Gestalt annimmt“ (vgl. Gal 4,19) und wir aus seinem Geist leben. Spiritualität entsteht und wird gepflegt durch Gebet und liebenden Umgang mit Christus, der durch den Heiligen Geist in uns wohnt.
Am größten ist die Liebe
Was bewirkt nun die Spiritualität nach Paulus? Welche Früchte schenkt der Geist Jesu Christi für das konkrete Leben? Der Heilige Geist ist immer lebendig und wirksam. Der Christ und die Kirche müssen auf ihn hören und ihm gehorchen, dann macht er reich an guten Früchten.
Die erste Frucht des Geistes ist, Christus zu erkennen und zu lieben. Im 1. Korintherbrief schreibt Paulus „eigenhändig“: „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht! Marána tha – Unser Herr, komm!“ (1 Kor 16,22). Was Paulus im ersten Korintherbrief schreibt, bestätigt er im zweiten. Er stellt den Korinthern die Frage: „Fragt euch selbst, ob ihr im Glauben seid, prüft euch selbst! Erfahrt ihr nicht an euch selbst, dass Christus Jesus in euch ist?“ (2 Kor 13,5). 'Christus in uns' bewirkt Weisheit (vgl. 1 Kor 1,19) Ruhe, Kraft und Trost, Hoffnung und Zuversicht. Die griechischen Kirchenväter haben diese Innerlichkeit in Jesus Christus als „Hesychia“, als innere Ruhe bezeichnet, auch und gerade in Anfechtungen und im Kampf um Christi willen. Das innere Leben im Geist Christi wird vor allem im 8. Kapitel des Römerbriefes beschrieben. Dort heißt es: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? ... Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,35.37).
Die zweite Konsequenz ist ein heiliges Leben. Wer Christus in sich hat, der ist eine neue Schöpfung. Das muss im Leben sichtbar werden. Der Christ soll alle Zehn Gebote ohne Abstriche halten; Paulus ruft dazu in allen seinen Briefen auf. Christen können keine Ehebrecher, Kinderschänder, Götzendiener, Betrüger, Mörder oder Lügner sein (vgl. 1 Kor 6,9-10). Die Früchte des Geistes sind „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“ (vgl. Gal 5,22-23). Im 1. Thessalonicherbrief fasst Paulus die Frucht des Geistes so zusammen: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung“ (1 Thess 4,3). „Denn Gott hat uns nicht dazu berufen, unrein zu leben, sondern heilig zu sein“ (1 Thess 4,7).
Drittens bewirkt der Geist Betrachtung und Gebet, die Glaube, Hoffnung und Liebe lebendig erhalten. Der Geist macht uns zu Söhnen und Töchtern Gottes. Er ruft in uns: „Abba, Vater“ (vgl. Gal 4,6). Der Geist betet in uns. Im Gebet wird uns bewusst, dass Christus in unserer Mitte ist und wirkt. Wir können mit ihm sprechen und in Freundschaft mit ihm leben.
Eine vierte und sehr wichtige Frucht für Paulus ist die Freiheit. Der vom Geist Christi erfüllte Mensch muss nicht mehr die vielen, vielen Regeln der Halacha und Haggada des Judentums einhalten und befolgen, sondern darf frei vor Gott leben. Das kann aber nicht Zügellosigkeit bedeuten. Diese Freiheit befähigt, den Nächsten zu lieben. Im Galaterbrief heißt es: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5,1). Einige Verse weiter schreibt Paulus dann: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!“ (Gal 5,13). Die Freiheit, die der Geist Christi schenkt, ist Freiheit für die Liebe zu jedem Nächsten. Das Gesetz legt Fesseln an und behindert die spontane, angemessene und personale, liebende Zuwendung zu jedem Menschen. Jesus hat die Herzenshärte, die die Gesetzesauslegung der Pharisäer und Schriftgelehrten seiner Zeit verschuldete, hart kritisiert (vgl. Mt 23,23-28). Paulus bekundet: „Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Gal 5,14).
Die wichtigste Äußerung der Spiritualität ist also die Liebe. Sie wendet sich den eigenen Hausgenossen und den Heiligen in der Gemeinde zu. Sie erstreckt sich aber auch auf die „Feinde“. Im 12. Kapitel des Römerbriefs wird das sehr eindrücklich beschrieben.
„Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind … Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht!“ (Röm 12,13-14). Die christliche Spiritualität vergisst vor allem die Armen nicht, wo immer sie leben. Als Erweis seiner eigenen authentischen Spiritualität bekennt Paulus im Galaterbrief: ‚An die Armen zu denken, darum habe ich mich eifrig bemüht’ (vgl. Gal 2,10). Die vom Geist Christi gewirkte Liebe kennt keine Grenzen der Nation, des Volkes, der Religionsgemeinschaft, sondern sie wendet sich im Geist des Barmherzigen Samariters (vgl. Lk 10,25-37) jedem Nächsten zu.
Nicht zuletzt lässt die christliche Spiritualität auch den eigenen Leib achten. Wenn Christus in uns wohnt, dann muss auch der Leib als Wohnung des Heiligen Geistes ernährt, gepflegt, gesund und heil erhalten werden.
Mit dem Leib des Menschen ist die ganze Schöpfung verbunden. Sie soll dem vorzüglichsten Geschöpf Gottes dienen und es erhalten. Sie wird mit dem Menschen vollendet werden. „Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Die Schöpfung ist um des Menschen willen zu bewahren und zu erhalten, bis sie mit ihm vollendet wird.
Neue Schöpfung im Hl. Geist
In den letzten Versen des Galaterbriefes fasst Paulus seine Spiritualität noch einmal zusammen, indem er sagt: „Denn es kommt nicht darauf an, ob einer beschnitten oder unbeschnitten ist, sondern darauf, dass er eine neue Schöpfung ist. Friede und Erbarmen komme über alle, die sich von diesem Grundsatz leiten lassen, und über das Israel Gottes“ (Gal 6,15-16). Die Spiritualität des Apostels Paulus hat den einzelnen Menschen im Blick, der den Geist Gottes in sich hat; dieser „geisterfüllte Mensch“ (vgl. 1 Kor 2,15) soll aber das Geheimnis des liebenden Gottes erkennen und die Welt durchdringen, die das Reich Gottes werden soll, das „Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ ist (vgl. Röm 14,17). Die Spiritualiät des Paulus verbindet Innerlichkeit und Leben im Alltag. Sie setzt Energie für die Weltgestaltung frei. Sie umfasst den eigenen Leib und bezieht auch die Natur und den ganzen Kosmos mit ein. Es ist eine Spiritualität der Hoffnung und der Zuversicht, der Kontemplation und der Aktion, der Mystik und des Kampfes, des Vertrauens auf den barmherzigen Gott und der edlen Menschlichkeit, der Mission nach innen und nach außen. Die paulinische Spiritualität ist ein großer Schatz für den einzelnen Christen sowie für die ganze Kirche, die Menschheit und die Welt.
Leben aus dem Geist Christi! Möge es Ihnen/Euch geschenkt werden und gelingen.
Es grüßt und segnet Sie/Euch
Erzbischof Ludwig Schick