Erzbischof Ludwig Schick zum Rosenkranzfest
Der Segen des Rosenkranzgebetes
Der Rosenkranz ist eines der wertvollsten Gebete der Kirche. Er ist zugleich Lobpreis Christi und seiner Mutter Maria, Betrachtung der Heilsereignisse und Fürbitte. Das Rosenkranzgebet führt zu Jesus, ‚in dessen Namen allein das Heil zu finden ist’ (vgl. Apg 4,12). Maria wird für den Betenden im echt biblischen Sinn zur Vermittlerin aller Gnaden. Denn sie führt zu Jesus, ihrem Sohn, unserem Herrn und Bruder, der „uns mit allem Segen seines Geistes segnet“ (vgl. Eph 1,3). Jesus Christus verbindet uns mit dem Vater, damit dieser „herrscht über alles und in allem“ (vgl. 1 Kor 15,28). Die Ouvertüre zu Glaube, Hoffnung und LiebeDer Rosenkranz ist ein Kunstwerk und eine einzigartige Komposition. Er beginnt mit dem „Glaubensbekenntnis“, einem „Vater unser“ und drei „Gegrüßet seist du, Maria“, die um Glaube, Hoffnung und Liebe bitten. Diesen Eröffnungsteil kann man mit der Ouvertüre zu einer Oper oder dem Introitus einer Chor- und Orchestermesse vergleichen. In der Ouvertüre oder im Introitus klingt schon das ganze nachfolgende Kunstwerk an. Das Glaubensbekenntnis stellt den Schatz des Glaubens vor, von der Erschaffung der Welt bis zur Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, wenn er die neue Erde und den neuen Himmel errichtet, in denen es keine Trauer, keine Tränen und keinen Tod mehr gibt. Das „Vater unser“ ist immer Verkündigung und Bitte, dass das Gottesreich kommt und kommen möge. Alle „Vater unser“ im Rosenkranz bitten um das Kommen seines Reiches, das die Erfüllung aller Sehnsucht nach Heil ist. Die Bitten um das tägliche Brot, um die Vergebung der Schuld, um Kraft in der Versuchung und Befreiung von allem Bösen sollen die Menschen befähigen, ohne „Verwirrung und Sünde“, sondern „voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus“ zu „erwarten“ (vgl. Gebet nach dem „Vater unser“ in der heiligen Messe). Das Warten auf das Kommen Christi und seines Reiches fordert Einsatz für Gerechtigkeit, Friede und Freude in dieser Welt. Dazu sind die „göttlichen Tugenden“ Glaube, Hoffnung und Liebe notwendig, um die die drei „Gegrüßet seist du, Maria“ beten. Betrachtung des Lebens, Leidens und der Herrlichkeit JesuDer Rosenkranz setzt sich aus fünf Gesätzen zusammen. Sie werden von einem „Vater unser“ eingeleitet und bestehen aus zehn „Gegrüßet seist du, Maria“, in denen jeweils ein Ereignis des Lebens Jesu betrachtet wird. Diese Ereignisse werden „Geheimnisse“ genannt. Es gibt drei klassische Rosenkränze, den freudenreichen, den schmerzhaften und den glorreichen (vgl. Gotteslob Nr. 33,3-5). Diesen wurden in jüngerer Zeit der „trostreiche“ (vgl. Gotteslob Nr. 33,6) und von Papst Johannes Paul II der „lichtreiche“ mit den Gesätzen hinzugefügt:
Maria nimmt uns an die HandDie „Gegrüßet seist du, Maria“ sind im ersten Teil Lobpreis der Gottesmutter und zugleich Bitte. Nach dem Gruß „Gegrüßet seist du, Maria“ und dem Lobpreis „du bist voll der Gnade, der Herr ist mit dir“, folgt das Bekenntnis „du bist gebenedeit unter den Frauen“. Gebenedeit bedeutet: Gesegnet. Maria ist gesegnet, weil sie die Mutter Jesu Christi ist. Sie war ihrem Sohn zu seinen Lebzeiten ganz nah. Jetzt lebt sie im Himmel an seiner Seite. Der erste Teil des „Gegrüßet seist du, Maria“ ist aber auch schon Bitte. Maria soll zu Jesus, ihrem Sohn, führen, der gebenedeit, das heißt, voll des Segens ist: „Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“, so endet der erste Teil. Maria erhört die Bitte, sie nimmt die Betenden an der Hand und führt sie zu Jesus. Er ist der Segen Gottes, aus dessen Fülle wir alle empfangen (vgl. Kol 2,10). Im zweiten Teil des „Gegrüßet seist du, Maria“ wird dann die Gottesmutter angerufen, für uns zu bitten „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Die Todesstunde wird besonders betont, weil sie im Leben des Christen die entscheidende ist. Er ist eingeladen, sich in ihr ganz und für immer Jesus Christus zu überlassen und mit ihm in die Ewigkeit einzugehen. Der Feind des Menschen, der Teufel, versucht das zu verhindern. Deshalb ist die Bitte an Maria, uns in der Todesstunde beizustehen, damit wir wie sie in den Himmel gelangen, so wichtig. Mit Maria zu JesusDie drei „klassischen“ Rosenkränze stellen die wichtigsten Ereignisse des Lebens Jesu vor Augen. Sie wollen zum Betrachten und Meditieren anregen. „Den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast“, „der für uns Blut geschwitzt hat“, „der von den Toten auferstanden ist“ so lauten die ersten Gesätze der drei Rosenkränze. In den zehn „Gegrüßet seist du, Maria“ soll das jeweilige Geheimnis betrachten werden. Der Beter soll sich mit dem Leben, dem Leiden und der Herrlichkeit Jesu verbinden. Er soll daran glauben und darauf vertrauen, dass Gott durch den Engel Gabriel Maria und damit der ganzen Menschheit angekündigt hat: Gottes Sohn wird Mensch; er ist der Erlöser, der Gott mit uns. Jesus Christus hat in der Passion „für uns Blut geschwitzt“. Der Beter soll „erleben“, wie Jesus am Ölberg die ganze Sünde der Menschheit vor sich sah, die so viel Leid, Elend, Blut und Not bringt und die auch Jesus auf seinem Weg bis zum Tod am Kreuz so bitter erleiden muss. Verrat, Unbarmherzigkeit, menschliche Bosheit, Lust am Quälen und Töten sind die Folgen der Sünde. Alle diese Grausamkeiten erleidet Jesus bis zur Not des Todes. Sein Leiden klagt an und ruft zur Umkehr auf. In der Auferstehung von den Toten und der Verherrlichung im Himmel schenkt er Hoffnung und Gewissheit, dass nach dem Tod das ewige Leben im Himmel auf die Menschen wartet. Nach dieser Weltzeit kommt der neue Himmel und die neue Erde. Die Verherrlichung Jesu öffnet die Tür zum ewigen Leben bei Gott, in das Maria als Erste der Menschen aufgenommen wurde. Zehn Ave Maria – Zeit des Verweilens und der BitteDie zehn „Gegrüßet seist du, Maria“ kreisen um jeweils ein Geheimnis. Zehn „Gegrüßet seist du, Maria“ sind gerade lang genug, um ein Ereignis des Lebens Jesu so zu betrachten, dass es unser Herz berühren kann. Im zweiten Teil des „Gegrüßet seist du, Maria“ rufen wir die Gottesmutter um ihre Fürsprache und Bitte an, damit wir vom Geheimnis Jesu erfüllt, echte Christen in dieser Welt werden. Als authentische Nachfolger des Herrn im Leben und im Sterben sollen wir im Tod Jesus begegnen, der uns mitnehmen möge in seine ewige Freude, wo wir Maria, alle Heiligen und unsere verstorbenen Verwandten treffen werden. In die Bitte des zweiten Teiles kann man auch immer ganz konkrete Anliegen der Menschen und der Kirche mit hineinnehmen. Das Beten des Gesätzes „Den du, o Jungfrau, vom Heiligen Geist empfangen hast“, kann zum Beispiel zur Bitte dafür werden, dass junge Menschen den Ruf zum Priester- und Ordensleben hören und wie Maria sagen können: „Fiat, mir geschehe, wie du gesagt hast“. Beim schmerzhaften Rosenkranz, „der für uns Blut geschwitzt hat“, kann darum gebetet werden, dass die Menschen Verrat, Grausamkeit, Menschenverachtung, Mord und Totschlag, Krieg und Terror beenden und einander lieben. Phantasie beim RosenkranzgebetAußer den 15 Geheimnissen der klassischen Rosenkranzgesätze sowie der „trostreichen“ und „lichtreichen“ kann man auch selber neue formulieren. Ich betrachte oft das Tagesevangelium der heiligen Messe beim Beten des Rosenkranzes. Wenn ich zum Beispiel das Evangelium „Jesus segnet die Kinder“ lese, dann füge ich nach „und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus“ an „der die Kinder gesegnet hat“. Ich betrachte die Liebe Jesu zu den Kindern, wie er sie achtet und schützt und sie durch seinen Segen beschenkt. Im zweiten Teil des „Gegrüßet seist du, Maria“ bete ich dann, dass unsere Kinder heute gute Eltern und Lehrer haben, die ihnen eine gute Erziehung und Bildung zuteil werden lassen, und dass die Jugendlichen zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen können. Wenn ich die „Berufung der Apostel“ betrachte, dann bete ich um gute Bischöfe, Priester und Diakone. Wenn ich die Bergpredigt lese, dann füge ich zum Beispiel an, „der die Barmherzigen selig gepriesen hat“ und ich bitte um Güte, Verständnis, Versöhnungsbereitschaft in unserer Gesellschaft, in unseren Familien, gegenüber Ausländern, Kranken und Behinderten. Wenn ich den Bericht von der „Auffahrt Jesu in den Himmel“ meditiere, dann füge ich an: „der alle Menschen zu seinen Jüngern machen will.“ Ich bete dann für die Mission und die Ausbreitung des Glaubens. Äußere Haltung und innere RuheDer Rosenkranz muss ruhig und betrachtend gebetet werden. Man kann ihn allein beim Spazierengehen, in der Wohnung oder in der Kirche, kniend oder sitzend beten. In Gemeinschaft betet es sich oft leichter. Wichtig ist, dass innere und äußere Ruhe vorhanden sind und das Beten in einem gleichmäßigen, langsamen Rhythmus geschieht, damit die Worte und Sätze das Herz berühren und die Seele ansprechen können. Das Rosenkranzgebet ist eines der schönsten, wichtigsten und fruchtbarsten Gebete der Kirche. Man muss es lernen und einüben, dann entfaltet es seinen ganzen Segen. Im Rosenkranzgebet nimmt uns Maria an die Hand und führt uns zu Jesus, der gebenedeiten Frucht ihres Leibes. Durch das Rosenkranzgebet gelangen unser Lobpreis und unsere Bitten zu Gott dem Vater. |
| Datum: 06.10.2006 |
| Autor: Erzbischof Dr. Ludwig Schick |