Paulus als Mensch
| Betrachtung von Erzbischof Ludwig Schick zum Paulus-Jahr: Vom Christenverfolger zum Missionar |
Liebe Leserinnen und Leser des Heinrichsblattes!
Eine weitere Betrachtung über den hl. Paulus erreicht Sie heute. Diesmal geht es um Paulus als Mensch. Dieser Beitrag soll Sie mit dem Leben des Völkerapostels vertraut machen, wie es den Briefen zu entnehmen ist. Paulus hat sein Leben als Einladung gesehen, das Evangelium anzunehmen und zu leben.
Paulus weist in seinen Briefen auf seine Herkunft und Entwicklung hin. Er schreibt aber keinen Lebenslauf. Die Hinweise auf sein Leben sind Teil seiner Verkündigung. Mit ihnen bezeugt er die Gnade, die ihm zuteil wurde und legt Zeugnis für den auferstandenen Jesus Christus ab, der ihm erschien. Er nutzt sie auch als Beweise für die Echtheit seines Aposteldienstes. Mit ihnen vergleicht er sein früheres Leben unter dem Gesetz mit dem in der Gnade.
Herkunft
Tarsus in Kilikien soll die Geburtsstadt des Paulus sein; das berichtet die Apostelgeschichte (Apg 9,11; 21,39, 22,3). Paulus erwähnt in seinen Briefen dagegen nie Tarsus; er spricht auch nirgends von seinem Geburtsort. Er war Jude. Im Philipperbrief bezeugt er: „Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz“ (Phil 3,5). Von Geburt an soll er das römische Bürgerrecht besessen haben und von vornehmer Herkunft gewesen sein (vgl. Apg 22, 26-29). Auch, dass er in Jerusalem „erzogen“ wurde, erfahren wir nur aus der Apostelgeschichte (vgl. Apg 22,3). Wann und wie Paulus von Tarsus nach Jerusalem kam, erklärt auch die Apostelgeschichte nicht. Paulus selbst gibt in den Briefen keine nähere Auskunft über seinen Geburtsort, seine Kindheit und Jugend, seine Familie und Verwandten.
Wir dürfen annehmen, dass er wie alle jüdischen Kinder aufwuchs. Er hat eine gründliche, aber über das übliche Maß hinausgehende Ausbildung im jüdischen Gesetz erhalten. Nach der Apostelgeschichte saß er in Jerusalem zu Füßen des berühmten Rabbi Gamaliel und wurde „genau nach dem Gesetz der Väter ausgebildet“ (vgl. Apg 22,3). Er wurde ein besonders gesetzestreuer Jude. Im Galaterbrief bekennt er: „Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe, … In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk“ (Gal 1,13-14).
Paulus und das Alte Testament
Schule und Studium, Erziehung und Ausbildung insgesamt, bestanden für einen Angehörigen des Volkes Israel in der damaligen Zeit darin, das Gesetz und die jüdischen Traditionen zu lernen. Die Schriften des Alten Testamentes waren Geschichtsbuch, Gesellschaftslehre, Katechismus und Ethik, alles in einem. Aus ihnen hat Paulus sein Gottesbild, sein Menschenbild, seine Weltsicht, sein Gesellschaftsbild, seine Moral, letztlich alles, was sein Leben ausmachte, gelernt.
Paulus war ein Experte in der Kenntnis und der Auslegung des Alten Testamentes. Besonders im Römerbrief argumentiert er mit vielen Schriftbeweisen. Immer wieder kommt der Satz vor: „… wie die Schrift sagt“ oder ähnlich (vgl. z. B. Röm 1,17; 3,10; 4,17; ebenso Gal 3,10). Dabei benutzt er das Alte Testament wie einen Steinbruch, aus dem er Argumente für ‚seine Botschaft’ herausholt. Er interpretiert das Alte Testament oft sehr eigenwillig, um die Juden zu überzeugen, dass Jesus Christus der erwartete Messias und das Heil aller Völker ist. Aber er kannte nicht nur die jüdische Tradition, sondern auch die griechische und römische Philosophie. Neben der hebräischen bzw. aramäischen Sprache war er auch mit dem Griechischen vertraut. Saul (Saulus) war sein hebräischer Name; im griechisch-lateinischen Sprachraum nennt er sich Paulus.
Entsprechend den Regeln des Alten Testamentes hat er auch gelebt. In diesem ‚Weltbild’ und bei seinem Charakter ist es verständlich, dass er die Christen verfolgte. Das Alte Testament schildert einen streitbaren Gott, der der einzige ist, den allein man anerkennen muss und verehren darf. Dieser Gott ist vor allem der Gott des jüdischen Volkes. Jahwe und Israel bilden eine Einheit. Gott und sein Volk wollte Paulus mit allen Mitteln groß machen und verherrlichen. Die Christen führten in den Augen von Paulus einen anderen Gott neben bzw. gegen Jahwe ein – Jesus Christus. Das durfte nicht sein. Das beeinträchtigte die Ehre Gottes. Deshalb mussten die Jünger Jesu vernichtet werden. Außerdem störten und beeinträchtigten sie den Zusammenhalt Israels. Das war zu seiner Zeit und in seiner Sicht gefährlich. Die Römer folgten in ihrer Politik im besetzten Israel dem Grundsatz „divide et impera“ – teile und herrsche. Sie versuchten Israel zu zersplittern, um es leichter unterdrücken zu können. Als wahrer Israelit musste Paulus sein Volk Israel vor dieser Zerstörung retten. Auch das war für ihn ‚Gottesdienst’. Die Absicht, Gott die Ehre zu geben und Israel die Einheit und den Zusammenhalt zu erhalten, führte Paulus dazu, die Christen vehement zu verfolgen.
Wie bei der Herkunft finden wir auch bei der Berufung des Paulus in der Apostelgeschichte eine Ortsangabe: „als er sich bereits Damaskus näherte“ (Apg 9,3). In den Briefen des Paulus wird kein Ort angegeben. Auch der Sturz vom Pferd ist eine schöne, aber spätere Darstellung des Berufungsereignisses; er kommt weder in der Apostelgeschichte noch in den Briefen vor. Wie und wo die Berufung 'vonstattenging', beschreibt Paulus nicht. Alles, was die Apostelgeschichte berichtet: das plötzliche Licht, der Sturz, die Blindheit, die Stimme: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“, die Frage des Paulus: „Wer bist Du, Herr?“, und die Antwort: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“, sowie der alte Hananias, der ihm die Augen wieder öffnete (vgl. Apg 9,1-19; Apg 22,6-16 und Apg 26,12-18), wird in den Paulusbriefen nicht erwähnt. Sie vermitteln vielmehr einen anderen Eindruck von der Berufung: Obwohl Paulus ein strenger Befolger des Gesetzes und ein unnachgiebiger Verfolger derer war, die das Gesetz nicht oder nicht genügend beachteten, muss er innerlich unzufrieden gewesen sein.
Er war ein hochsensibler, religiöser Mensch und als solcher ein Suchender und Fragender. Er versuchte das Gesetz ganz zu befolgen, was ihm auch gelang (vgl. Phil 3,6). Aber dennoch spürte er, wie viele andere Juden, den ständigen Kampf zwischen dem Geist, der willig und dem Fleisch, das schwach ist (vgl. Röm 7,14-24). Konnte denn Gott immer nur Frust wollen oder gab es einen anderen Weg, Gott zu gefallen und einen gnädigen Gott zu finden? Was verlangt Gott vom Menschen? Worin besteht das Heil? Im Römer- und Galaterbrief kann man diese Fragen und das Suchen des Paulus nachspüren. Sie müssen Paulus auch schon vor seiner Berufung bewegt haben. Seine Aussage im Galaterbrief, dass Gott ihn „schon vom Mutterleib auserwählte und durch seine Gnade berufen hat“, „ihm in seiner Güte seinen Sohn zu offenbaren“ (vgl. Gal 1,15 f.), kann man auch als Hinweis auf diesen Prozess der Berufung betrachten. Bei dieser Suche wurde Paulus offen für Jesus Christus, den er verfolgte.
Es wurde ihm das Evangelium geoffenbart, das einen liebenden Gott verkündet, der aus Gnade gerecht macht und durch den Glauben das Heil schenkt. ‚Diese Erkenntnis, die alles Begreifen übersteigt’ (vgl. Phil 3,8), ist aber plötzlich über ihn gekommen. Paulus legt großen Wert darauf zu bekunden, dass Christus ihm erschienen ist und er ihn gesehen hat „Als letztem erschien er auch mir“, schreibt er im 1. Korintherbrief (1 Kor 15,8). Er hat den Herrn gesehen (vgl. 1 Kor 9,1). Seine Berufung hat er als Gnade und Geschenk erfahren. Auf sein langes, vielleicht qualvolles Suchen hin ist ihm plötzlich und unerwartet die Offenbarung Jesu Christi zuteil geworden, die auch sogleich Sendung zur Verkündigung war. Für Paulus ist es äußerst wichtig, dass ihm Jesus Christus selbst erschienen ist, ihn persönlich berufen und zum Apostel bestellt hat. Nicht ‚self-made’ ist sein Glaube, sondern ihm von Christus geoffenbarte Wahrheit. Deshalb ist es richtiger von Berufung zu sprechen und nicht von Bekehrung, obwohl beide Ausdrücke auch richtig verstanden werden können.
Nach seiner Berufung hat er sich circa zwei Jahre in der Einsamkeit, durch Gebet, Betrachtung und in Gesprächen mit Jesus Christus und dem Evangelium auseinandergesetzt, bis er ganz vom Evangelium durchdrungen war (vgl. Gal 1,17-21). Das, was ihm plötzlich und unerwartet geschenkt wurde, musste erst nach und nach sein Ein und Alles werden. Auch für Paulus gilt das lateinische Wort „fides quaerens intellectum“, der Glaube sucht nach Einsicht; das Geschenk des Glaubens muss mit Verstand und Herz sowie in Tat und Wahrheit angeeignet werden. Dann aber galt sein ganzes Leben lang, was er im Philipperbrief schreibt: „… ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein“ (Phil 3,8-9).
Die Missionsreisen
Nach seiner Berufung und dem Innewerden der Offenbarung Jesu Christi ist Paulus aufgebrochen, um die Heiden zu bekehren. Dazu war er von Christus gesandt worden. Drei Missionsreisen hat er nach den Angaben der Apostelgeschichte unternommen. Die vierte, die ihn als Gefangenen nach Rom und zum Martyrium brachte, war letztlich auch eine Missionsreise. Bekehrung und Sendung fielen für Paulus zusammen. „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16) schreibt er den Korinthern. Bis zu den Enden der Erde wollte er das Evangelium aus Menschenliebe und zur Verehrung Christi bringen: Denn es ist „eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt“ (vgl. Röm 1,16).
Auf seinen Missionsreisen ist ihm nichts zu viel, beschwerlich oder gefährlich gewesen. In der sogenannten „Narrenrede“ des 2. Korintherbriefes zählt er auf, was er auf seinen Reisen zu Land und zu Wasser in Israel, Syrien, Kleinasien und dem heutigen Europa erlitten hat (vgl. 2 Kor 11,16-12,13). Aber Paulus nimmt all das bewusst und gern auf sich. Im 1. Korintherbrief schreibt er: „Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten. Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung Anteil zu haben“ (1 Kor 9,22-23).
Wegbereiter im Glauben
Paulus erscheint uns auf den ersten Blick wie ein „unerreichbarer Herkules im Glauben“, so ganz anders als wir mit unseren Zweifeln und Fragen. Wenn man sich aber näher mit ihm befasst, wird er immer mehr einer von uns. Paulus ist ein fragender und suchender Mensch; er möchte Gott finden, Gemeinschaft mit ihm haben, ihm gefallen und dienen. Er ist manchmal Gott ganz nahe und auch wieder weit von ihm entfernt. Er freut sich im Herrn (vgl. Phil 3,1) und nichts kann ihn trennen von der Liebe Gottes (vgl. Röm 8,31-39). Dann ist ihm dieser Gott aber auch wieder rätselhaft. Seinen Landsleuten, den Juden, sagt er im Römerbrief: „Wer bist du denn, dass du als Mensch mit Gott rechten willst?“ (Röm 9,20). Auch die Rechtfertigung und Erlösung in Jesus Christus, von der er überzeugt ist und die er enthusiastisch predigt, ist nicht sein unumstößlicher Besitz.
Im Philipperbrief schreibt er im Hinblick auf Christus, die „Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinem Leiden“: „Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt“ (Phil 3,12-14).
Was Paulus den Korinthern schreibt: „Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen“ (1 Kor 9,22), gilt auch uns. Paulus kann und will uns, den oft so Schwachen im Glauben, ein verständnisvoller Wegbegleiter sein. Er macht Mut, Jesus Christus immer neu zu suchen und sich von ihm finden zu lassen, mit ihm zu leben und auch einmal mit ihm zu sterben. Dann wird sich die gläubige Zuversicht erfüllen, dass die, die mit Christus sterben, auch mit ihm leben werden (vgl. Röm 6,8).
Datum: 22.10.2008
Autor: Erzbischof Dr. Ludwig Schick
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